wir erben presse

Es ist, als habe Adalbert Stifter seine Ururenkelin gefunden, die gleich ihm seitenlang all die Namen der Pflanzen aufschreibt, die im Garten wachsen, die Namen der Besucher, die irgendwann einmal in die Stube hereinschneien und die man beim Lesen, ihrer schieren Vielzahl wegen, zu verwechseln beginnt. Und erst all die Gerätschaften, Möbelstücke, Dinge, die es penibel aufzulisten gilt! […] Zwei Frauen, zwei Versuche, damit zurande zu kommen, dass die Jugend dahin ist – erzählt in einem ruhigen, kunstvoll verlangsamten Roman. Karl Markus Gauß, Neue Zürcher Zeitung, 27.5.2014

 

Wie Goethes Roman ist „Wir Erben“ von einer Art kühler und wahrhaftiger Redseligkeit geprägt. Katrin Hillgruber, Der Tagesspiegel, 31.5.2014

 

[…] In einer wunderschönen Passage des Buches sind wird dabei, wenn Marianne in ihrer Baumschule Reiser pfropft. Reitzer macht aus dem Vorgang, in dem mithilfe eines fachgerecht gesetzten Schnittes, wenn alles gut geht, zwei Pflanzen zusammenwachsen, eine poetologische Metapher für ihr Buch. Denn auch zwischen Marianne, der Hauptfigur des ersten Teils, und Siri, der zentralen Figur des zweiten, kommt es im Text zu einer Art Pfropfung. Aus heiterem Himmel taucht im Roman irgendwann die zweite weibliche Hauptfigur auf, mit einer ganz anderen Lebensgeschichte: Siri ist mit ihren Eltern aus der DDR geflohen und kehrte nach dem Mauerfall dorthin zurück. Sie hat Japan bereist und in den USA ein Kunststudium absolviert, insgesamt also ein sehr unstetes Leben, fernab von den Verwurzelungen Mariannes im Lex-Haus.

Dass die beiden Frauen bei Angelika Reitzer miteinander zu tun bekommen und am Ende des Buches dann ganz aufeinander bezogen sind, vor allem aber, dass man diesem Buch das eher unwahrscheinliche Zustandekommen dieses Freundschaft auch wirklich abnimmt, hat allein mit der Erzählkunst der Autorin zu tun. In „Wir Erben“ präsentiert sich diese Kunst auf einem Höhepunkt. Es ist ein glasklarer Stil, vorgetragen in kurzen und präzisen Sätzen, den Reitzer schreib. Direkte Reden zwischen den Figuren erspart die Autorin dem Leser, stattdessen ist hier alles in einen einzigen stilistischen Fluss gerückt, an dem kein Wort stört und keines zu viel oder zu wenig ist. Nicht an einer Psychologie der Figuren, sondern ganz unmittelbar an den Formationen der Wirklichkeit zeigt sich Reitzer in ihrem Schreiben interessiert. Genau dort, inmitten der Realität, fördert das Buch dann auch seine literarischen Erkenntnisse zu Tage. Das Imaginäre selbst, so könnte man sagen, wenn es nicht zu pathetisch wäre, wird hier real.

Es ist eine neue und andere Art des realistischen Schreibens, die Reitzer betreibt. Dass soziologische Schubladen dafür zu klein sind, zeigt sich in „Wir Erben“ auf eindrucksvolle Weise. Nicht um die prekären Lebensverhältnisse des Prekariats geht es hier, sondern um die Tatsache, dass das Leben selbst immer prekär ist oder an ihm etwas ganz ansatzlos prekär werden kann. Plötzlich beginnt eine Figur sich zu bewegen, und plötzlich erscheint ihr in dieser Bewegung an ihrem bisherigen Leben alles fremd. […] Klaus Kastberger in ex libris, ORF Ö1, 9.3.2014

 

 

Seelenwurzelwerk

Die Grazerin Angelika Reitzer zählt zu den eher stillen Autorinnen des Landes. Mit ihrem jüngsten Roman WIR ERBEN ist ihr ein Prosa-Glanzstück gelungen.

Schlag nach bei Goethe. „Das Leben ist kurz, der Tag ist lang“, notierte der Klassiker im „West-östlichen Divan“. Die Tage von Marianne scheinen ebenfalls ins Unendliche zerdehnt. Sie führt ein Leben, dessen Gang von den Jahreszeiten bestimmt und von zahllosen Handgriffen erfüllt wird. Für einige Tage ins Blaue leben? Undenkbar. Marianne.ist Eigentümerin einer Baumschule in einem Kaffnahe Wien,sie lebt ein bleiernes,vom Kreislauf des Immergleichen geprägtes Dasein im Haus ihrer Kindheit. An die Flüchtigkeit ihrer Existenz verschwendet sie keine Gedanken. „Nichts änderte sich, es ging alles weiter“, sagt Mariarme. eine der beiden Protagonistinnen in Angelika Reitzers jüngstem Roman „Wir Erben“, dem bislang besten dieser Autorin. „Wir Erben“ ist ein kühner literarischer Versuch in der Maske des Konventionellen, eine Erzählung, die ihrer eindeutigen und einfachen Fabel zum Trotzein komplexes narratives Geflecht etabliert.

„Wir Erben“ ist das in zehn Jahren vierte Buch der in Graz geborenen und seit Jahren in Wien wohnhaften Schriftstellerin: nach „Taghelle Gegend“ (2007) und „unter uns“ (2010) ist es der dritte Roman. Reitzer, 42, gilt als Autorin, die sich innerhalb der heimischen Literaturszene – oft genug Podium exaltierter Solisten und Egomaniker – dezent im Hintergrund hält, die keine Instantprosa für den schnellen Leseverzehr fabriziert. „Ziemlich genau zwei Jahre nachdem ,unter uns’ erschienen war, wurde ich ständig gefragt,wann der nächste Roman endlich fertig sei“, erinnert sich Reitzer im Gespräch. „Offenbar existiert eine Art Roman-Zweijahresfrist. Ohne jemandem nähertreten zu wollen: Mir fiele das enorm schwer.“

„Wir Erben“, das durch seine distanzierte, zuweilen fast kalte Erzählhaltung nur auf den ersten Blick im Gestern verfangen scheint, versteht sich nicht als große Bühne, auf der viele Stücke von großer Bedeutung gegeben werden. „Wir Erben“ ist ein Buch der kurzen, ungekünstelten Sätze, das viel von Diskontinuität und Umbruch, von der Destabilisierung des kleinen Lebens erzählt. Siri nennt Reitzer die zweite Hauptfigur des Romans,deren Lebenslaufsich mit jenem von Marianne, die im fiktiven Dorf Gumpenthal wohnt und arbeitet, so kurz wie einschneidend kreuzt. Siri ist, im Gegensatz zu Marianne. eine Frau auf Wanderschaft: Mit ihrer Familie floh sie aus der DDR; nach dem Mauerfall kehrt sie in das ehemals sozialistische Land zurück. Sie bereist Japan, arbeitet in verschiedenen Berufen, beginnt in der US-Provinz ein Kunststudium. Aber auch der erzählerischen Komplementärfigur will sich die Existenz nicht zum Ganzen runden: „Ihr Leben hinschreiben, in ganzen Sätzen, die Bestand haben sollten, das gelang ihr meistens nicht, obwohl sich nicht ständig alles veränderte, im Gegenteil“, schreibt Reitzer: „Es geht mir gut. Ich zeichne viel. Ich fühle mich wohl hier. Solche Sätze hinzuschreiben, in Briefen an die Eltern, wäre ihr vollkommen falsch vorgekommen.“ Die Geschichten von Marianne und Siri sind auf keinen bestimmten Punkt hin erzählt, an dem sie kippen könnten. Reitzer lotet das Potenzial ihrer Figuren aus, indem der literarische Text viel Realität aufnimmt und sich dem allwissenden Erzählen strikt verweigert: Es bedarf einigen literarischen Könnens, die beiden Protagonistinnen auf eine über 300 Seiten lange Odyssee durch ländliche Räume mit all ihrer Trostlosigkeitund Leerezu schicken,ohne über deren Gedanken und Motive Rechenschaft abzulegen; die Dialoge über die Lesbarkeit der Welt – die Anschläge auf einer norwegischen Perieninsel, die wirtschaftliche Lage Griechenlands brechen stets schon nach wenigen Sätzen ab: „Das Fremde, Unmögliche fasziniert einen, aber man beschäftigt sich mit Naheliegendem.“

„Die Herausforderung war, das Geschehen konstant voranzutreiben – und den Figuren so gut wie kein Innenleben zuzuschreiben, das sie denken, handeln und schließlich etwas sagen lässt, wobei das Gesagtesich vom Gedachten unterscheiden müsste“, rekapituliert die Schriftstellerin die Arbeit am Roman. „Das wäre langweilig. Figuren müssen nicht zwangsläufig völlig wirklich, absolut klar sein. Die Idee war, aus Marianne und Siri nicht mehr zu machen, als sie sind. Marianne ist Gärtnerin und dabei soll sie völlig philosophisch und sensitiv sein? Sie kümmert sich um Bäume – und hat zu vielen Dingen einen extravaganten Zugang? Genau das wollte ich nicht.“ Es passiert nicht häufig, dass sich Leben und Literatur einander so weit annähern. „Zitternder Gedanke, vielleicht vorschnell in die Tat umgesetzt”, schreibt Reitzer in „Wir Erben“. Das in Literatur und Poesie zu Tode strapazierte Sinnbild vom Bruder Baum als Lebenssymbol versteht die Autorin souverän zu handhaben – und dem Metaphernfriedhof neues Leben einzuhauchen. „Wurzelnde Bäume sind im Grunde ein großartiges Bild”, sagt sie: „Baumwurzeln werden klein gehalten, um sie am Ende in die Erde zu verpflanzen. Die Geschichte des Romans hat viel mit Verwurzelt- und Entwurzeltsein zu tun wobei mir beim Schreiben bald klar wurde, dass es sich dabei um vollkommen unbrauchbare Begriffe für unser aller Leben handelt. Muss man sich unbedingt nach einem Zuhause sehnen? Muss es nicht vielmehr erlaubt sein, heimatlos zu bleiben?“ An ästhetischer Scheintotalität zeigt die Autorin wenig Interesse. Die Brüche und Verwerfungen sind deutlich in die Figuren dieses Romans eingeschrieben. Von einem Schulfreund wird Marianne früh schwanger. Jutta, ihre Großmutter, von der Marianne das Haus erbt, stirbt – eine Frau, die sich ihr Leben in Formeln zusammengeredet hat: Krankheit war Jutta eine Last, die man zu tragen habe, das Leben etwas, das einmal zu Ende sein werde. Mariannes beste Freundin erkrankt an Krebs, ein Freund stirbt den Sekundentod; Mariannes Affären enden im Unglück. Vergebens versucht sie, ihr Ich in einer Welt zu behaupten, die ihr dieses vermeintliche Ziel des geglückten Lebens immer wieder verwehrt. „Jch kann mit der Vorstellung, alles über mich selbst, alles über eine literarische Figur zu wissen, immer weniger anfangen“, so Reitzer. „Natürlich hat auch Mariarme gesichertes Alltags- und Gewohnheitswissen: Sie weiß, wie Obstbäume kultiviert werden, wann Setzlinge auszuliefern sind. Ich bin aber keine Anhängerin der sehr zeitgemäßen Ansicht, dass man stets bestens über sich selbst, über alle anderen und alles andere informiert sein muss.“ An einer Stelle scheint in „Wir Erben“ das Wort „Seelenheil“ auf. Es wirkt, wie Mariarme und Siri, sehr verloren. Wolfgang Paterno in Profil, 24.2.2014

 

[…] wunderbar lapidare Prosa über das Leben und wie leicht es fallen kann, sich fehl am Platz zu fühlen, da oder dort. […] Ute Baumhackl, Kleine Zeitung, 8.3.2014

 

Bestechend aber ist Reitzers Stil: Sie hat eine geradezu Doderer-hafte Art, mit Namen um sich zu schmeißen. Barbara Mader, Kurier, 19.4.2014