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Wegen der Gegend I

[ Kunstverein Mistelbach
Ausstellungseröffnung
Magdalena Frey, Ingo Vetter ]

Den Titel für meine Anmerkungen zum Werk von Magdalena Frey und Ingo Vetter habe ich mir bei Elfriede Jelinek ausgeborgt, nämlich aus ihrem Roman DIE AUSGESPERRTEN: „Heute ist so ein Tag, da er den plötzlichen Entschluß fasst, nach Zwettl ins Waldviertel zu fahren. Wegen der Gegend.“

Ja, schon klar, wir sind mit gutem Grund in Mistelbach im Weinviertel. Jelineks Gegend-Zitat dient mir als Aufhänger für die Betrachtung des Werkes von Frey und Vetter: Nicht geografisch, sondern Gegend im Sinne von Körperregionen, Landschaften, Orte/Räume – unterschiedlichste Gegenden, die ich für äußerst aufsuchenswert halte!

Der Begriff der Landschaft oder besser Kulturlandschaft, die uns umgibt, ist Bedeutungsverschie­bungen und -erweiterungen, sozialen Normen und regional praktizierten Verhaltensweisen unterworfen. Landschaft kann als Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse verstanden wer­den. Es gibt sie natürlich ohne uns, aber für uns entsteht sie erst durch und in unserer Wahrnehmung.

Viele Konstrukte, die wir an die Landschaft herantragen, gelten bestimmt auch für den Körper.

Sucht man nach Berührungspunkten in den Arbeiten von Frey und Vetter, so finden sich diese im Aufeinandertreffen öffentlicher und privater Bilder und daraus entstehender Kommunikation oder Konflikte. Beide betreiben in ihren fotografischen und filmischen Arbeiten, in der Bildhauerei, in Installationen und Collagen an verschiedenen, naheliegenden sowie fern gelegenen Orten ihre Feldforschungen, theoretische bzw. kunsthistorische Fragestellungen oder ortsspezifische Untersuchungen.

Konkreter wird es beim Thema Körper und Krankheit bzw. medizinische Eingriffe.

Ingo Vetter Organe

Vetters Skulpturenserie ORGANE aus Stein und Beton setzt sich mit der hohen Dichte von medizinischer Versorgung bei gleichzeitiger Verdrängung von Krankheit aus dem privaten Lebensbereich Betroffener auseinander. Der Künstler pflanzt dem städtischen Organismus Herz und Leber ein, lässt sie wie riesengroße Kieselsteine in der Stadt fallen, er hat die Findlinge allerdings bildhauerisch operiert: Die Betonelemente und polierten Schnitte erinnern an einen eingesetzten Herz-Defribilator und eine chirurgische Leberresektion.

Magdalena Frey zeigt ihre Serie digitaler Fotocollagen mit dem Titel FRAUENHAAR. Mensch und Maschine, Selbstoptimierung, moderne Verfahren der Selbstverwirklichung, Geschlechterstereotypen und die Fragen nach dem Schicksal des Organischen im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit werden hier drastisch und deutlich (aus-)gestellt – und in voller Farbenpracht, Schönheit – oder die Sehnsucht danach. Die Schnappschüsse, Nahaufnahmen aus Schönheitsoperationen, Tätowierungsstudios und Kosmetiksalons lassen an Jelineks Körperbeschreibungen denken: formlose Kadaver, schlaffer Gewebesack, krankhaft verkrümmtes Witzwesen – die müssen geshapt werden. Jelineks Klavierspielerin zerschneidet sich mit Rasierklingen die Scheide – was in der Literatur des 20. Jahrhunderts Selbsthass und brutale Zuschreibungen von außen waren, ist mittlerweile Standard in Beauty-Kliniken. Das (weibliche) Äußere (zunehmend auch jenes der Männer) ist keine feste Größe mehr, sondern kann verändert werden, und es gibt keine verbotenen Zonen.

Nicht der gesellschaftliche Körper oder der Körper als Gemeinschaft steht im Mittelpunkt von Berechnung, Upgrading und Optimierung, sondern der gestylte Body Einzelner. Dabei ist auch bemerkenswert, dass nicht mehr nur ästhetische Chirurgen, sondern auch Anästhestisten, Hautärzte und Allgemeinmediziner verschiedene Eingriffe vornehmen. Selbstverbesserung und Selbstverletzung liegen nahe beieinander oder gehen nahtlos ineinander über.

Freys Auseinandersetzung mit Schönheit und Schmerz korrespondiert mitunter intensiv mit Frida Kahlos Bildern – man denke an Hospital oder Meine Geburt (1932).

Magdalena Frey Frauenhaar

Die titelgebende Heilpflanze stammt aus der Familie der Wintertonmoose, das Frauenhaarmoos oder Steifblättriges Frauenhaar wurde früher zur Herstellung von Bürsten und kleinen Hausbesen verwendet, außerdem deuten bereits fossile Funde auf die rituelle Verwendung als Glücksbringer hin. Mit dem Frauenhaar kann man Häuserritzen verstopfen, damit keine bösen Geister hereinkönnen. – Das ist in dem von Frey gestellten Kontext natürlich symbolträchtig, aber die Collage ist dazu in der Lage, sich thematisch und ästhetisch wiederum darüber hinwegzusetzen.
Magdalena Frey ist wie Jelinek eine Künstlerin, deren Beschäftigung mit der kulturellen Repräsentation des weiblichen Körpers (nach ihren fotografischen Arbeiten in den 80er Jahren) bereits ab 1995 zu wesentlichen Teilen am Computer stattfindet. In den letzten Jahren kam, wie Sie alle wissen, die Video bzw. filmische Arbeit hinzu. Einen Portraitfilm über den Wanderschäfer Hans Breuer, LEBEN IM FREIEN, sehen Sie ebenso wie jenen über die martriarchale Gesellschaft im mexikanischen JUCHITÁN im ersten Stock.

In der Arbeit FRAUENNETZE zeigt Frey eine der letzten matriarchalen Kulturen, nämlich jene in Juchitán, Mexico. Bereits in vorspanischer Zeit gab es hier besonders viele politische und religiöse Repräsentantinnen, die Frauen spielten eine große Rolle in den Rebellionen der Kolonialzeit, waren besonders aufrührerisch. Freys Fotocollagen zeigen die wesentliche Sphäre dieser versorgungs- und frauengeprägten Wirtschaft – die Frauen sind hier die Händlerinnen und Verwalterinnen des Familienvermögens.

Eine ausgeprägte Fest- und Feierkultur in dieser Gegend minimiert die Armut, Menschen im Austausch stehen im Mittelpunkt der Collagen; aber Folgen der Globalisierung sind auch in Juchitán stark spürbar.

Was Frey das Steifblättrige Frauenhaar, ist Vetter der Götterbaum, mancherorts Ghetto-Palme genannt – so simpel meine Überleitung, aber als Kind von Gemüsebauern, die sich zuletzt eine Baumschulbesitzerin im Industrieviertel als Romanfigur geschaffen hat, sei mir das erlaubt.

2 Gegenden am Rand – abseits von Zentren und Metropolen, die Ingo Vetter bislang in seiner künstlerischen Arbeit aufgesucht hat, möchte ich herausheben:

DETROIT – Stadt der boomenden Automobilindustrie ab Beginn des 20. Jh.s und zunehmender Arbeitslosigkeit und schwindender Bevölkerung ab den 1960er/70er Jahren – Vetter war ab 2003 am internationalen Forschungsprojekt Shrinking Cities beteiligt, gründete 2005 (gemeinsam mit Annette Weisser und Mitch Cope) den DETROIT TREE OF HEAVEN WOODSHOP, der Objekte, Möbel und Installationen aus dem Tree of Heaven bzw. Götterbaum in internationalen Museen und Galerien präsentiert.
In den Vitrinen im EG sind Porzellanvasen – Abdrücke von Autoreifen mit Schnecken, die an die höfische Porzellankultur erinnern, teilweise mit Leitern – zu sehen, die den Titel Vase for Ailanthus (lat. Name des Götterbaums, einem sehr widerstandsfähigen Unkrautbaum, der mit den chinesischen Auswanderern/Wanderarbeitern den Weg nach Europa und Nordamerika angetreten hat) tragen, außerdem die Fotoserie RESOURCE AND NOSTALGIA mit Bildern von Götterbaum-Ansiedlungen, gebrauchten Spielzeugautos und JAX CARWASH zu einer Detroiter Autowaschanlage.

Die zweite Gegend liegt in Schweden: Von Umeå in Nordschweden aus – wo Ingo vor seiner Professur an der Hochschule für Kunst in Bremen an der Kunstuniversität lehrte und die 2014 europäische Kulturhauptstadt war, setzt er sich in einer vierteiligen Video-Installation mit dem Titel ÖN/ISLAND mit der postindustriealisierten Landschaft Kirunas auseinander: Kiruna ist die nördlichste Stadt Schwedens, oberhalb des Polarkreises mit 50 Tagen ununterbrochener Mitternachtssonne und 20 Tagen Polarnacht – eine Bergbaustadt, in der seit dem 17. Jh. Eisenerz abgebaut wird und die ein Symbol für Modernisierung und Kolonialisierung des Nordens ist, an deren Beispiel sich aber auch die jüngere Entwicklung zeigen lässt: Die Mine nähert sich jeden Tag 7 cm der Stadt an, sodass in absehbarer Zeit die halbe Stadt Kiruna verlegt werden muss. Ein auslaufender See ist mittlerweile Teil einer Kraterlandschaft geworden; Vetter zeigt die aktuelle Problematik, erzählt aber auch seine historisch/mysthische Dimension.

An einigen dieser Werksauszüge ist zu sehen, dass Vetter immer wieder Kooperationen mit anderen KünstlerInnen eingeht, er entwickelt langfristige Projekte, kombiniert Medien und Materialien, untersucht Materialien verschiedener Herkunft, ihre historische Konnotation, legt verschiedene, z.b. ihr subversives Potenzial frei.

Der menschliche Körper und die äußere Natur haben eine lange Co-Evolution hinter sich und sie geht in der Disziplinierung als Subjekt immer noch weiter.

Ich möchte, bevor wir uns die Fotografien, Collagen, Filme und Skulpturen von Magdalena Frey und Ingo Vetter nun gemeinsam anschauen, den Begriff der Gegend aufgreifen, weil er Möglichkeiten bietet, die Räume und Orte möglicherweise nicht zur Verfügung stellen.

Das Wort GEGEND ist mit franz. contrée, it. contrada, engl. country verwandt und meint (auch): gegenüber, daneben liegend, Gegenwart bzw. die Richtung, aus der man auf etwas zugeht, etwas betrachtet.

Eine alte tirolische Bedeutung stammt aus der Jagd: kein gegent haben – ganz das Ziel verfehlen. Was natürlich ein gewisser Widerspruch ist, aber Widersprüche sind gut.

Es ist eines meiner Lieblingswörter.

Das Fremde aufsuchen, nicht von Anfang an zielgerichtet, aber die Richtung bestimmend.

In der Gegend liegt – wie der ursprünglichen Bedeutung des Wortes – auch Fremdheit. Fremdes und Sichtbares, Absehbares, Erkennbares können in der Gegend (den Menschen, Landschaften, Körperregionen) miteinander einhergehen.

Und für die Fremdheit plädiere ich immer wieder. Die Fremden am Rand der uns bekannten Gegenden, aber auch das Fremde in uns. Dafür ist es immer wieder notwendig, Herkunft zu hinterfragen, zu beleuchten. Gemeinsamkeiten und Differenzen darzustellen, Perspektiven einzunehmen und wiederum aufzugeben.

Den geschundenen, perfekten Körpern, die uns umgeben, in denen wir alle stecken wollen, wäre etwas Nachsicht, etwas Fremdheit und weniger Selbstdisziplinierung und -optimierung und Introspektion zu wünschen – und den Landschaften vielleicht auch.

Die Ausstellung von Magdalena Frey und Ingo Vetter im Kunstverein Mistelbach läuft bis 7. Mai 2017 im Barockschlössel.

Am 20. Mai 2017 wird in Lanzendorf bei Mistelbach Ingo Vetters Horizontalturm eröffnet. Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich.

 

Kauf mir was!

[Kaufen macht so viel Spaß
Ich möchte ständig kaufen geeehhhnKaufen ist wunderschön …]

Die Songzeilen von Herbert Grönemeyer summte ich im vergangenen Jahr immer wieder, v.a., wenn ich an Kleider- oder Schugeschäften vorbeiging.

(Ich musste jetzt nachschauen, weil ich mich nicht wirklich erinnern konnte und den konsumkritischen Song Nina Hagen zugeordnet hätte. Falsch erinnert, dabei haben mir die Zeilen sicher schon bei Erscheinen auf der LP GEMISCHTE GEFÜHLE 1983 oder zumindest kurz danach gut gefallen; Nina Hagen kannte ich in dieser Zeit noch gar nicht,)

Am 8.3.2016, also gestern vor einem Jahr, beschloss ich, ein Jahr lang nichts mehr zu kaufen, nämlich: Keine Kleidung und keine Schuhe, ebensowenig Kosmetika oder Schmuck/Accessoires. Ich hatte es mir schon Anfang des Jahres vorgenommen, aber dann wieder vergessen, sodass ich Ende Februar nicht wusste, ob ich etwas eingekauft hatte oder nicht – erster Hinweis für die Notwendigkeit, aber auch lockere Möglichkeit dieses kleinen Experimentes, wenn man sich nicht mal mehr erinnern kann …

Der Internationale Frauentag als Zäsur erschien mir dann angemessen, so hatte ich einen offiziellen Beginn. Kapitalismuskritik, Arbeiter_innenrechte, Konsumkritik, Statements gegen Krieg und Ausbeutung u.v.a.m. – immer war der Weltfrauentag kein reines Frauenanliegen, natürlich. Wie hätte man das Eine vom Anderen trennen können!?

Zuerst dachte ich, ich brauche vielleicht Joker. Als solche würden Einkäufe in Second-Hand-Läden gelten, vorzugsweise im Ausland respektive nicht zuhause.

Wirkliche Ausnahmen sollten echte Notwendigkeiten sein wie eine dicke Strumpfhose, wenn es kalt ist, oder neue Laufschuhe, wenn die alten ihre 1000 km absolviert haben würden.

Ich würde auch weiterhin für meinen Sohn einkaufen müssen. Er ist zehn Jahre alt, wächst, braucht hin und wieder Neues, ist recht genügsam und hasst Shoppen.

Die Reaktionen im Freundes(innen)kreis waren gemischt: Von Lob und Zustimmung (Sollte ich auch mal bis zu: Oh nein, das ist ja schrecklich, so ein Blödsinn) war einiges dabei. Jemand sagte: Oh, du machst NO BUY, und einen Moment kam mir vor, als würde ich jetzt schon wieder die Mode aller mitmachen wie bei Bikramyoga, Fasten oder Marathonlauf. Den Begriff als solchen kannte ich nicht, aber ja, ich kaufe also nicht.

Würde es mir abgehen, in Geschäften zu stöbern, die ich früher gerne frequentiert hatte, auch wenn ich mir darin die meisten Sachen eigentlich nicht leisten hatte können?

Und die Surferei nach rotbraunen Stiefeln mit Keilabsätzen oder dem perfekten weißen Seidenhemd, wenn mir der Übergang von einem Kapitel zum anderen nicht und nicht aufging: Wirklich darauf verzichten?

All die schönen Sachen, die endlich herabgesetzt waren und die ich mir doch schon soo lange hätte kaufen wollen, nicht einmal die, nicht einmal eines davon?

Ich würde mich als durchschnittlich ausgestattete Mitteleuropäerin bezeichnen, was Kleidung betrifft, vielleicht – in Anbetracht des Fehlens eines fixen Angestelltenverhältnisses – eher unterdurchschnittlich in Businesskleidung oder eben Kleidung für die Firma, das Büro, den Arbeitsalltag. Ich trage gern gute und schöne Schuhe.

Seitdem ich angefangen habe, mir darüber Gedanken zu machen, was ich anziehen will, hadere ich mit dem zugegebenermaßen eigentümlichen Dilemma, dass ich es nicht ausstehen kann, wenn etwas an mir sehr neu ausschaut, ich aber gleichzeitig häufig empfinde, immer ein bisschen zu shaby daherzukommen.

Nichts kaufen: Es war natürlich ganz einfach.

Sieht man etwas, das einem gefällt und reagiert nicht auf den Kaufreflex, stellt sich sehr schnell die Einsicht ein, dass man ähnliche Sandalen oder gar nicht so sehr andere Jeans eh schon hat. Man hat nämlich das allermeiste schon. Einen schwarzen V-Pulli und mehrere Winterstiefel, viele T-Shirts, Sommerkleider, die Lederjacke, nein, zwei (eine teure und eine vom Flohmarkt), die Jeansjacke (die mit ihren Rissen immer schöner wird), genug Socken und Strumpfhosen sowieso, auch Unterwäsche für dieses eine Jahr, und Schuhe…

Nach einer Weile kam mir der Gedanke, ein Kleidungsgeschäft zu betreten um nur zu schauen, angenehm unnötig vor. Einkaufen fürs Kind als Sublimierung und Kompensation? Sehr schnell habe ich es so weit wie möglich vermieden bzw. dem Kindsvater überlassen, weil es mir ebensowenig Spaß macht wie dem Halbwüchsigen. (Dem Kindsvater auch, aber …)

Nichts kaufen. Nicht shoppen, nicht Pakete auf der Post abholen und zurückbringen. Nicht mehr die Kreditkarte dem erhöhten Risiko aussetzen, gehackt zu werden oder gesperrt.

Spart natürlich Geld, eh klar.

Schont die Umwelt, möglicherweise.

Der Wirtschaft geht’s ohne mein Zutun auch ganz gut.

Aber vor allem mir selbst.

Joker-Einkäufe in sog. Vintageläden oder bei jungen aufstrebenden Designerinnen in irgendwelchen Städten waren wirklich nicht nötig. Im Lauf des Jahres erschien mir der Gedanke eigentlich zunehmend absurder.

Der eigene Kleiderkasten erschließt sich einem im Laufe dieses Shopping-Verzichtes um einiges besser, man kommt dazu, Teile anzuziehen, die man schon Jahre nicht anhatte – und trotzdem nicht entsorgt hat.

Das Jahr ist vorüber, es war nicht nur einfach „durchzuhalten“, alles spricht doch dafür, in diesem Modus weiterzumachen. Aber kann man denn immer nur seine alten Kleider tragen? Sicher. Es lässt sich jedenfalls gut, nein, besser leben, indem man bestimmte Etablissements des Turbokonsums meidet. So gut es geht. Und es geht gut.

Längerfristig stellt sich auch hier die Frage des Werts und der Wertigkeit ein, ähnlich wie bei sorgfältig ausgewählten Lebensmitteln.

Wenn ich darüber nachdenke, was ich mir zu einem bestimmten Anlass anziehe, kommen mir häufig die Zeilen eines befreundeten Künstlers in den Sinn, er nennt diese Kalauer „Leiberlsprüche“, nämlich: WAS ZIEGE ICH HEUTE AN? Eine Frage, die ich mir auch mit frisch befülltem Kasten stellte und ähnlich schwer beantworten konnte wie in den letzten Monaten ohne Neuzugang.

 

(Elle, L’Avenir, Grippewelle)

Der Schädel wummert, wenn ich nicht von Freunden gehört hätte, dass auch ihre Grippe von starkem Kopfschmerz begleitet ist, würde ich mich noch um einiges stärker der Angst hingeben, diesmal ist es doch ein kleiner Gehirntumor. Das Fieber steigt und sinkt wieder, ist fast nur mehr erhöhte Temperatur, nachdem ich genug gelesen habe, ziehe ich mir zuerst den grade bei mit Golden Globes ausgezeichneten »Screwball-Thriller« (keine Ahnung, woher ich das habe, besonders absurde Genrebezeichnung, die ich gerne einfließen lassen wollte) ELLE von Paul Verhoeven rein, und tags darauf den im selben, dem soeben vergangenen Jahr erschienen L’AVENIR (ALLES WAS KOMMT) der jungen Französin Mia Hansen-Løve, die so ruhige, zarte Filme macht, wenn man wollte, könnte man sie für eine Rohmer-Regisseurin des 21. Jahrhunderts halten.
In beiden Filmen spielt Isabelle Huppert eine Frau mit erwachsenen Kindern, sie ist Philosophielehrerin und Autorin für philosophische Schulbücher (L’Avenir) und Unternehmerin (Elle), leitet eine Firma, die Videogames entwickelt.
Frauen ab 40 kann man ja bekanntlich in die Tonne schmeißen, so die Philosophielehrerin Nathalie zu ihrem ehemaligen Schüler, als sie ihm erzählt, dass ihr Mann sie nach 25 Jahren für eine andere verlässt. Ihr Verlag macht ihr deutlich, dass weder die Aufmachung ihrer Bücher noch deren pädagogische Ausrichtung noch zeitgemäß seien. Die große Trauer über das Ende einer glücklichen Ehe spielt sich in einzelnen Aktionen ab, vor allem aber innen, Huppert/Nathalie lässt das nur ahnen. Einer der wenigen Sätze, die sie darüber verliert: »Ich dachte, du würdest mich für immer lieben.« Sie ist eine stolze, kontrollierte Frau. Als sich der Kontakt zu einem ehemaligen Schüler intensiviert, kommen Fragen, ihr bürgerliches Leben betreffend (sie), die Bereitschaft zu Anarchie und Gewalt (er und seine Freunde, mit denen er in den französischen Alpen einen alten Bauernhof gekauft hat und die alternativen deutsche Verleger) auf. Revolution, so die immer noch sehr engagierte Lehrerin, sei nicht ihr Lebensziel, sie wolle Kindern beibringen, ihren eigenen Kopf zu benutzen. Während sie ihr neues, unerwartetes Leben lebt (das nicht klischiert oder stereotyp gezeigt wird, sie hat keinen jugendlichen Lover und erfindet sich auch nicht neu), wird sie Großmutter und ihre eigene Mutter, eine irgendwie manisch-depressive, ehemalige Schönheit, die die Tochter sehr beansprucht, stirbt.
Der Film kommt scheinbar ohne dramatische Höhepunkte aus, folgt einfach (ha!) dieser Frau (auch visuell, oft sieht man ihre Schultern, sie von der Seite, von hinten) ein Stück. Huppert macht darin, was sie meistens macht: Scheinbar wenig und das mit maximalem Effekt, aber die kontrollierte Frau berührt mich, sogar in ihrer Effizienz. Sie kümmert sich sehr um die Mutter, ohne sich vollends aufzuopfern, geht liebevoll mit ihr um, zeigt, wenn sie genervt ist. Aber erst, als der Priester in der Verabschiedung über die Tote spricht, von deren Stolz darüber, dass ihre Tochter anders als sie selbst etwas gelernt hat in ihrem Leben, ist tiefe Zuneigung zu spüren.
1icmhOh3EperBWjXAfi8dsQELLE, über deren Hauptfigur Michelle Hupperts Kollegin Sandra Hüller sagt, sie komme ihr wie eine Superheldin vor, ist anders, von anderem Kaliber. Michelle wird vergewaltigt, aber sie verweigert die Opferrolle nicht nur, sie hat weiterhin Lust an ihrer Sexualität, die sich nicht an Normen, auch nicht an andere Festschreibungen im Verhältnis von Männern und Frauen, aber auch unter Freunden hält. Sie tut so konsequent, was sie will, dass es einen schaudern lässt, erstaunlich, wow! Auch dieser Film spielt in einem bürgerlichen Milieu, aber das Setting, dem seine Hauptfigur entstammt, ist um einiges abgefahrener als die Geisteswissenschaftler in L’Avenir. Michelles Vater ist ein Serien- bzw. eher Massenmörder. Die Presse zeigte aber auch die zehnjährige Tochter als Mittäterin, Mitwisserin, zeigte sie jedenfalls und nicht als unschuldiges Kind. Obwohl es in den 60er-Jahren noch kein Internet gab, hat das Foto von dem zehnjährigen Mädchen, das dem irren Vater dabei geholfen hat, im Haus alles mögliche abzufackeln, überlebt: als Tochter des Psychopathen, als »Aschenmädchen«. Ein Bild, das bleibt und das die erwachsene Michelle immer wieder von sich weisen muss. An dieser Front kämpft sie, als Opfer gesehen zu werden – aber nur in der öffentlichen Wahrnehmung. Ihrem toten Vater, den sie schließlich doch besucht, zischt sie ins Gesicht, dass allein die Ankündigung ihres Besuches ihn umgebracht habe.
Michelles Mutter, durch unzählige Gesichtskorrekturen und an der Hand ihres nicht einmal halb so alten Toyboys dargestellt, nervt. Das Verhältnis der beiden ist vielleicht ein zynisches, einer von Michelles letzten Sätze vor dem Herzinfarkt der Mutter ist ziemlich gemein. Für die Mutter war ihr Mann, der lebenslang hinter Gittern ist, »mehr als ein Mann«, wie immer man das interpretieren möge.
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In beiden Filmen spielt die Mutter der Hauptfigur eine besondere Rolle. Eigenwillige Frauen, für die die eigene (vergangene, wie sie es empfinden) Schönheit von existenzieller Wichtigkeit und deren eigenes Leben auf je andere Art leer ist. Sie haben beide nicht die Macht über ihre Tochter wie es in Jelineks/Hanekes KLAVIERSPIELERIN der Fall ist. Vielleicht fällt es nur mir schwer, in dahinter liegenden Schichten die vielen anderen Rollen nicht mitzulesen, zumal Huppert doch in jedem Film jede Frauenfigur neu interpretiert. Und Huppert wird zweimal Großmutter: Nathalies Tochter bringt ein Kind zur Welt, hier ist alles in Ordnung, Michelles Sohn wird auch Vater, will aber nicht wahrhaben, dass dieses Baby eher nicht von ihm stammen kann.
Bemerkenswert, dass der eine Film von einem Mann und der andere von einer 30-jährigen Frau stammt, aber schön. Beide wälzen eigentlich verdammt viel Stoff und beiden Filmen sieht man die Dichte beim ersten Mal nicht an, da kommt noch mehr. Natürlich ist Huppert großartige Besetzung, vielleicht wurden die Filme auch für sie geschrieben. Aber die Filme sind nicht nur von der Darstellerin seiner Hauptfigur abhängig, Isabelle scheint mit immer noch größer werdender Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit die besten Rollen für sich herauszugreifen.
Immer noch kränklich, das Wummern im Schädel ist weniger geworden, wenn auch noch nicht vorbei. Die paar Stunden mit Isabelle haben gut getan. Merci.

 

Weekend

Ein schöner Morgen im Herbst. Nachdem Mann und Sohn die Wohnung verlassen haben, weil letzterer für das dritte Meisterschaftsspiel seines Fußballvereins aufgestellt ist, vollziehe ich einen, wie mir scheint, tadellosen Hausfrauenvormittag, zumal an einem Wochende. Dazu gehört, sich unmittelbar nachdem sich die Wohnungstür geschlossen hat, einen weiteren Kaffee zu machen und die Zeitung zu lesen, wie eigentlich immer beginne ich mit dem großen Interview. Danach mache ich die Küche sauber, die Sonne scheint beim französischen Fenster herein, man hört einen der Nachbarn, der im Garten zwei seiner Räder repariert wie häufig samstags. Laufen war ich gestern, heute steht ein bisschen Workout am Programm und als ich damit fertig bin, erledige ich den Einkauf. Tja, die Blumen vergessen, aber auch nur deshalb, weil mir im Supermarkt einfällt, dass die größere Tochter später vorbeikommen will und ich beschließe, einen Guglhupf zu backen. Damit der fertig wird bis zu ihrer Ankunft, muss ich den Gang zum kleinen Bauernmarkt am Platz dieses Wochenende auslassen. Der Guglhupf steht schon im Backrohr, als ich in den Nachrichten höre, dass in einem Einkaufszentrum im Bundesstaat Washington ein Mann vier Frauen erschossen hat und flüchtig sei. Das Motiv ist noch unklar. Den Satz würde ich auch verschiedenen Berichten in verschiedenen Medien entnehmen können, und einmal mehr rätsele ich über diesen Satz. Egal, ob ein (meistens weißer) Mann vier, zwölf und noch mehr Menschen erschießt, meist ist zuerst zu hören, ob man bereits davon ausgeht, ob der Mörder aus terroristischen Gründen handelte – oder? Motiv? Sobald man die Identität der Amokschützen, Killer, Massenmörder herausgefunden hat, lässt sich zumeist schnell feststellen, ob jemand die Mordwaffen legal erstanden hat oder über dunkle Kanäle, mittlerweile mitunter das dunkle Netz. Die Menschen besitzen Waffen, sie benutzen sie. Ebenso erstaunt mich, dass die Angst vor Zuwanderern letzten Jahr auch in Österreich den Waffenverkauf ziemlich in die Höhe getrieben hat. (Wie wir auf dem Weg zu einem Abendessen an einem Waffengeschäft vorbeikamen: drinnen mehr als ein Dutzend Menschen beim Late-Night-Shopping). Welches Gefühl von Sicherheit kann einem der Besitz einer Waffe vermitteln? Was zählt das Motiv, wenn einer in die Damenabteilung eines Bekleidungsgeschäftes geht und auf die Menschen schießt, die er dort zufällig antrifft?
Diesen kleinen Text schreibe ich, bevor alle eintrudeln, am Küchentisch. Auch für ein paar Notizen, kommt mir kleiner, schreibender Hausfrau vor, eine gute Tradition.

 

Die Zeichnung (Quelle oder Münder)

1.
Perlen, rieseln, rinnen. Hat das Kind denn gefragt, oder war es, als es wissen wollte, wie eigentlich Tropfen entstehen, bereits ruhig? Ein Tropfen bezeichnet eine auf der einen Seite kugelförmige und auf der anderen spitz zulaufende Form, außerdem einen meist kleinen, flüssigen Körper, Wassertropfen zum Beispiel. Wasser kann in einzelnen Tropfen herabfallen, an etwas herunterrollen, kann herab- oder heruntertropfen, kann triefen, tröpfeln. (So geht es los: Ist tröpfeln nicht ein Sommerwort und deshalb eines aus der Kindheit? Ernstzunehmende, ewig währende Sommer kann nur dieser immer schon lange zurückliegende Abschnitt eines Lebens aufweisen, das versteht sich von selbst.)
Der Bach, der das Grundstück der Eltern auf der nördlichen Seite begrenzt, trägt ein paar Kilometer lang den Namen des Ortes, aber die Rede ist immer nur vom Bach. Er entspringt keine 400 Meter entfernt in einem Mischwald, wie er für die Gegend üblich ist, das heißt, der Laub- ist größer als der Nadelwaldanteil. An den meisten Stellen ist er nicht breiter als einen oder eineinhalb Meter, meist auch nicht sehr tief, man kann in ihn hineinsteigen, auf große aalglatte oder moosige Steine treten, die im Schatten der Laubbäume liegen. Die Steine sind dunkelbraun und dunkelgolden, dunkelgrün und dunkelgelb. Sie schauen aus dem Wasser heraus, sie bilden Wege und Überleitungen, Landschaften halb im und unter Wasser. Der Wald ist nicht sehr alt (wie kann das sein?), es gibt wenige Lichtungen, der Bach mäandert dahin (und wie die Entdeckung des Wortes mäandern eine neue Zeit eingeläutet hat im Leben der jungen Studentin, die das Kind später werden sollte, muss gleich notiert werden), er schlängelt sich meistens unspektaktulär durch diesen freundlichen Wald, bis er an der Stelle neben dem Elternhaus ganz ans Tageslicht tritt. Hier ist der Bach nach Regen bis zu einem Meter tief, und kurz nach der tiefsten Stelle führt ein schmales Brett auf die andere Seite, wo auf einer kleinen Böschung ein grüner Maschendrahtzaun das Grundstück der Nachbarn begrenzt. (Es sind jene Nachbarn, mit denen sich die Familie des Kindes Fernsehen und Telefonanschluss teilt: Ruft für die Nachbarin jemand an, so rennt einer, meist das Kind, denn es ist ein Mädchen und oft in der Nähe des Hauses, wenn nicht in der Küche beschäftigt, über den Bach zur Nachbarin um ihr etwas zu bestellen oder sie an den Apparat zu holen. In diesem Fall erfolgt wenige Minuten später ein neuerlicher Anruf. Im Ausgleich dazu gibt es Fernsehzeit, die aber eher die älteren Brüder des Mädchens nützen, weil abends die Jüngsten zuhause bleiben sollen.) Die Brücke, dieses schmale Brett, hält viele Jahre. Zwanzig Meter bachaufwärts spielt das Kind mit den beiden Nachbarmädchen in ihrem gemeinsamen Haus. Ein breites Uferstück mit verwachsenem Baum auf der Nachbarseite ist Küche, Wohnzimmer, Garten. Spiele, die mit Haushalt, mit Kochen, mit Waschen und Sachen erledigen zu tun haben, wichtigstes Spielaccessoire ist eine blecherne Espressokanne, die die Nachbarin ausmustert, als sie ihre erste Filterkaffeemaschine bekommt. Schule spielen die Mädchen beim ehemaligen Stallgebäude im Schatten. Die Gemüsekisten aus Holz sind ideale Bänke und Tische. Im Garten der Nachbarmädchen steht ein Plastikswimmingpool, von Jahr zu Jahr oder doch alle zwei Jahre erneuert wird bzw. durch einen größeren und stabileren ersetzt. Sie schwimmen, planschen, üben Synchronfiguren im Wasser, spielen Poolpartys und Diskothek (bei geschlossenen Vorhängen im Wohnzimmer).
Im Ruhezustand ist der Tropfen eine Kugel. Nur wenn er sich von einem größeren flüssigen Körper ablöst, befindet er sich in Tropfenform. Der Tropfen ist nur im Moment seines Entstehens, der Tropfenbildung, für einen Augenblick er selbst, die reine (seine) Form. Es ist ein instabiler Zustand, er währt nur kurz.
Die Katze holt Fische aus dem Wasser, manchmal.
Da das Wasser im Winter nicht besonders tief ist, macht es nichts, wenn man beim Schneerutschen mit dem strohgefüllten Sack nicht zum Bremsen kommt und in den Bach fällt. Doch. Es ist kalt und man wird geschimpft, weil man krank werden könnte. Selten ist das Eis so dick, dass man nicht einbrechen würde.
Im Sommer ist es anders. Die schönen großen, hier aber auch viele kleine Steine werden leicht vom Wasser umspült, das kühl und weich zugleich ist. Die vom Sonnenlicht gemalten Farben der Steine sind mehr als Kompliment oder Schöntuerei an das Schauen, sie tun den Augen gut, aber auch den Fingern, den Handinnenflächen und den Fußsohlen. (Die dunkelroten und gesprenkelten Steine sind für die Fersen.) Man kann die Steine berühren, man kann sie angreifen. Einen festen Stand haben. Manchmal spielt Moos eine Rolle, am Bachufer, am Wasserrand, an dem ungefestigten Anstieg, kein willkommenes Material für das Kind. Erst später und in anderen Landschaften denkt es manchmal: Aha, Moos. Verstehe. Das Wasser fließt sehr langsam und fast genauso langsam werden die Füße, die das Kind hineinhält, kälter und kälter. Ein Vorgang, der immer wiederholt, aber nie ganz begriffen wird. Kommt die Kälte von innen oder außen? Denn anders verhält es sich mit der Kühle des Elements, das versteht jedes Kind.
Manchmal bleibt das Kind am Bach und vergisst, die Freundinnen zu besuchen.
Manchmal vergisst es die letzten zwanzig Meter nachhause zu laufen. Jemand wird nach ihr rufen, wenn es dunkel wird.
Niederfall. Regen versickert im Untergrund, in der Erde, ins Grundwasser. Verschwindet und versintert.
Ein Jahr lang werden auf dem landwirtschaftlich genutzten Grundstück der Eltern überall große Gräben ausgehoben. Es wird drainagiert. Dafür wird aufgegraben, werden massive Rohre in der Erde verlegt, um durch das Ableiten von überschüssigem Bodenwasser die Erträge zu steigern. Aus Grünland soll fruchtbares Ackerland werden, das die mittlerweile große Familie auch ernähren kann. Das Befahren der Felder und die Bewirtschaftung überhaupt soll erleichtert werden. Die Eltern des Kindes reden davon, als würden sie sich über etwas Religiöses unterhalten, ein Wunder, das sie erwarten, das ihnen aber auch zusteht. Das Kind hört nicht die technischen Gespräche, die auch geführt werden, vernimmt nur die vorsichtig und wütend ausgestoßenen Sätze, wenn Vater und Mutter unter sich sind, oder den staunenden (zweifelnden?) Landwirten aus der Umgebung gegenüber: Dass die Böden nun wunderbar und unglaublich ergiebig werden, fruchtbringend und ertragreich, rentabel, fett und gedeihlich sein werden. (Das meinen sie. Die Eltern sagen: Dass es endlich wächst!) Aber schon im dritten Jahr sind sie enttäuscht, verbittert. Als hätte man sie wieder betrogen. Und das Kind, das nie nachfragt, worum es sich bei der ganzen Geschichte wirklich handelt, versteht nur, dass man die Böden zu wenig gut trainiert habe und deshalb das Wasser immer noch mit den Böden mache, was es wolle.
Das Kind ist bereits ein Teenager, als neben der Zufahrt ein kleiner Teich ausgehoben wird. Reservewasser für die Bewässerung der Felder, denn Trockenheit ist ein permanentes Problem. (Überschwemmungen waren es früher, in einer Zeit, an die sich das Kind nur anhand von Fotos, also nicht erinnern kann: Weggespülte Flächen und darauf verwirrt umher scharrende, unscharfe Hühner oder ein Vater in dunkelblauer, lose herabhängender Arbeitskleidung und Gummistiefeln.) Der Teich wird aus dem Grundwasser gespeist und misst vielleicht fünfzehn mal vier oder fünf Meter. Es gibt einen Steg, Fische werden ausgesetzt, und die Böschung bepflanzt sich fast von selber. Zwischen Arbeiten im Haushalt und Lektüre, wenn sich das Mädchen davonstiehlt und hinter den dunkelbraunen Balkonbrettern im ersten Stock des Wohnhauses verschanzt, könnte sie hier zu einer regelmäßigen Schwimmerin werden. (Der Gedanke gefällt ihr.) Sie war noch nicht am Meer und Seen gibt es in diesem Landstrich keine. Das Schwimmbad im Ort natürlich, aber dafür muss man den ganzen oder doch halben Tag frei bekommen von der zugeteilten Arbeit. Schon im zweiten Sommer nimmt der Algenbewuchs stark zu. Berührt man den Boden oder wirbelt man das Wasser ein bisschen durch, färbt sich das trübe Wasser braun. Der Zufluss besteht aus einem kleinen schwarzen Plastikrohr. Der Abfluss ist durch Versickern selbst geregelt. Für das Gießen der Äcker wird dieses Wasser bald doch nicht mehr verwendet. Die anderen Familienmitglieder ekeln sich, wenn sie das Mädchen im Wasser sehen und die Nachbarsmädchen baden mittlerweile ohne sie in ihrem Pool. Nachts schreien die Frösche, die sich sagenhaft vermehren, aber tagsüber unsichtbar sind, so laut und so ausdauernd, dass der Teich zugeschüttet wird. Es ist dieser Lärm den Nachbarn und niemanden sonst zuzumuten. In der Familie ist man erleichtert. Wenn man heute die Adresse des Elternhauses in Google Maps eingibt, ist der Teich ganz deutlich zu erkennen: Neben der Zufahrt, ein wenig unterhalb des Transformatorhäuschens, das nicht eingezeichnet ist. Wie kann es sein, dass dieses Gewässer, das nur wenige Jahre eines war, das von seinen Erbauern bald nur mehr als lästig, ganz und gar unbrauchbar für seinen Zweck empfunden wurde und von seinen Anrainern als Plage, hier weiterexistiert, als gäbe es den Teich wirklich? Nein: Als hätte es den Teich je gegeben.
Wenn es Zeit ist, die Äcker mit künstlichem Regen zu bewässern, zu beregnen, müssen alle mithelfen, die Rohre auszulegen. Die kleinen Kinder können die schweren, mindestens sechs Meter langen Rohre natürlich nicht stemmen, aber sie können die Verschlüsse, die Bogenstücke und die Übergänge hinterhertragen. Der ausgetrocknete Boden ist manchmal so brüchig und bröckelig, dass man sich die kleinen Sohlen verletzt. (Im Sommer immer barfuß. Immer.) Schöner ist es, wenn nach dem Eggen oder Pflügen das Feld schwitzt, und man über satte dunkle Erdplatten rennen kann. Am kolossalsten aber, an einem besonders heißen Sommertag durch das spritzende Wasser der Beregnungsanlage zu laufen. Die Regner drehen sich im Kreis herum, sie sprengen, besprühen oder berieseln junge Pflanzen in äußerst kritischem Zustand, ausgewachsenes Gemüse wenige Tage vor der Ernte und die jubelnden Kinder; das Geräusch des Antriebs für die nächste kleine Kreisbewegung und des ausgestossenen Wassers ist schmatzend und ziehend. Erfrischt sehr. Setzt kurz nach dem Auslegen der Rohre ein Gewitter ein, sind die Erwachsenen unsicher, ob sie sich über die Wasserersparnis freuen oder wegen der vergeblichen Kraftanstrengung ärgern sollen.
2.
Obere Donau, Schwarzwald. Kurz nachdem sich Briglach und Breg zur Donau vereinigt haben, versickert der zweitgrößte Fluss Europas an etwa 150 Tagen im Jahr in wasserdurchlässigem Karstgestein. Eigentlich wird das Wort Versinkung gegenüber Versickerung bevorzugt, denn das Wasser verteilt sich nicht im Erdreich, es versickert nicht, sondern fließt in unterirdische Hohlräume ab. Durch Dolinen und Schlucklöcher verschwindet es in der Erde und das Bett der Donau trocknet vollkommen aus. Sie verlässt ihren Lauf nach Osten und fließt durch unterirdische Höhlen eine Strecke von zirka zwölf Kilometern in Richtung Süden, strömt von der Aachquelle (eig. Aachtopf) aus in den Bodensee, vereinigt sich mit dem Rhein und macht sich auf den Weg zur Nordsee. Zeigerpflanzen wie Weiden und Schilf weisen auf das unterirdische Wasser hin. Profi- und Amateur-Höhlenforscher suchen hier seit Jahrzehnten das vielleicht größte Höhlensystem Deutschlands. Ihre Tauchgänge enden wegen eingestürzter Höhlendecken nach ein paar hundert Metern. Sie bohren senkrechte Schächte, sie tauchen und graben immer weiter. Schließlich finden sie in über einhundert Metern Tiefe einen verborgenen Fluss, den sie die Schwarze Donau nennen. Sie bauen Gerätschaften wie Hebesäcke, um Erde und Schutt nach oben zu schaffen, und spezielle Bohrmaschinen, die unter Wasser eingesetzt werden können, ohne dass man nach kurzer Zeit wieder auftauchen muss. Sie suchen auf Bergrücken nach möglichen Einstiegen in die Höhlen. Es gibt einen Luftzug, dem muss man nachspüren. Sie wollen dem verschwindenden Fluss auf die Spur kommen und unternehmen dafür waghalsige, gefährliche Tauchgänge, denn die unterirdische Weite, ihre Hoffnung, bedeutet eine wirkliche Lebensgefahr. Man weiß nicht, wo es hingeht. Wissenschaftler untersuchen, ob die Donau einen Beitrag zur Fischfauna des Bodensees leistet, und untersuchen das Wasser und seine Lebewesen, zum Beispiel Groppen, Fische, die sehen können, was in einem unterirdischen Höhlensystem eigentlich nicht notwendig ist.
Die erste vollständige Versinkung wurde im Jahr 1874 festgestellt, seither nimmt die Anzahl der Tage, an denen die Donau vollständig verschwunden ist, kontinuierlich zu. Auch wenn die weitere Verkarstung und Versinkung nicht exakt vorhergesagt werden kann, so muss man doch davon ausgehen, dass die Donau, nachdem sie hier Millionen Jahre Richtung Osten geflossen ist, in ein-, zweitausend Jahren vollständig mit dem Rhein nach Norden fließen wird.
Untere Donau, Duino-Aurisina. Im ersten Buch der Aeneis erwähnt Vergil neun Timavoquellen, die mit gewaltigem Brausen aus der Erde strömen. Polybios schreibt, dass sich in diesem Adriawinkel ein berühmtes Heiligtum des Diomedes befindet, Hafen, Tempelhain und sieben süße Quellen, die sich sofort mit dem Meer verbinden und von denen alle bis auf eine salziges Wasser führen, weshalb sie von den Einheimischen Quelle und Mutter des Meeres genannt werden. Von einem Erdschlund ist bei Poseidonios zu lesen, und dass der Timavus 130 Stadien unterirdirsch fließe, bevor er sich am Meer seinen Abfluss verschaffe. Plinius d. Ä. gab beiden Chronisten Recht: Bei niedrigem Seestand seien die Quellen süß, bei hohem dringe das Seewasser durch unterirdische Verbindungsspalten in die Quellen ein und mache diese (außer einer) brackig.
Ister, so nennt man in der Antike den unteren Donaufluss und bis ins 4. Jahrhundert der Kaiserzeit herrscht unter Geografen die Vorstellung, dass die Donau hier in Istrien einen Ausfluss hat. Hier sollen die Argonauten des Jason und die Gefährten des Aenaes auf ihrer Flucht von Troja gelandet sein. In einer Ausgabe der Gartenlaube aus dem Jahr 1874 ist zu lesen, dass der Timavo aus drei Spalten des Karstgebirges quillt, in ebensoviel Armen eine knapp einen Kilometer lange Strecke durchfließt und sich dann als breiter Strom in den Meerbusen von Monfalcone ergießt.
Mit seinen zwei Kilometern gilt der Timavo in Istrien als einer der kürzesten Flüsse der Welt. Sein Wasser ist aber jenes der Reka (slowenisch für Fluss), die in Kroatien nahe der Grenze zu Slowenien entspringt, durch die Orte Illirska Bistrica, Topolc und Prem bis Škocjan fließt. 54 Kilometer legt der Fluss oberirdisch zurück, bevor er in Schwinden, wie man Schlucklöcher auch nennen kann, versinkt, und über Wasserfälle und durch Klüfte in die Škocjan-Höhlen fließt, wo er in 160 Meter Tiefe in einem Höhlensee verschwindet. Der weitere unterirdische Verlauf ist unbekannt. Nach gut dreißig Kilometern entspringt er als Timavo bei San Giovanni di Duino in der Provinz Triest als Karstquelle und mündet nach zwei Kilometern im Hafenkanal von Monfalcone ins Meer. Alle Beschreibungen dieses heiligen und erinnerungsreichen Karst-Ortes lesen sich idyllisch bis majestätisch, auf jeden Fall feierlich. Zypressen, Pappeln und Platanen; die Votivkapelle eines Unbekannten soll an die Timavo-Verehrung erinnern, ein frühgeschichtlicher Kult, wahrscheinlich venetischen Ursprungs und der Wald und die kleine Gedächtniskapelle, die Diomedes als Gründer der Stadt und homerischem Held gewidmet ist, außerdem Gedenksteine zur Saturn-Verehrung, Klöster, Tempel undsoweiter. Das Wort Tuba der frühchristlichen und byzantinischen Kirche San Giovanni in Tuba stammt von Tubatura/Rohrleitung, auch das ein alter Gebetsort, der bereits von Vergil beschrieben wurde.
Dies alles liegt an der SS14, die von Venedig nach Triest führt und dann weiter bis nach Slowenien. Direkt an einer Kreuzung zur SR55 nimmt man den gegenüberliegenden abschüssigen Weg zu einem Fischerdorf, parkt das Auto an der Straße und ist gleich bei den ersten beiden Quellen. Einige Beschreibungen warnen vor der Kraft des Wassers. Das Wasser der dritten Quelle fließt unter einem Felsen hervor. Blüteneschen, Hopfenbuchen, verwilderte Feigenbäume, Eichen und wilde Rosen wurzeln in den Felsenspalten. Manches ist immer noch zu erkennen. Saftiges Gras, Veilchen, Schlüsselblumen und goldgelbe Aurikeln, aber diese Floras ist schon seit Dekaden Geschichte. Einmal sprießt es wie aus einer Zauberleitung heraus, das andere Mal ist nur ein Rinnsal zu sehen und das prächtige türkis-grüne Becken ist ausgetrocknet und es ist schwer, sehr schwer, sich ein paar der Geschichten, die dieser Ort birgt, vorzustellen. Und doch ist jede der drei verbliebenen Quellen, auch die fast versiegte, ein unaufhörlich redender, dichtender Mund. Ergießt sich alles Erzählte ins grüne Wasser, auch wenn das Becken nicht tief ist und die Quelle keine brausende wütende Kraft hat.
3.
Am ersten oder zweiten Tag nach ihrer Ankunft im Haus am See notiert die Schreibende: Die Luft hier. Und wenn ich eine Zigarette rauche, liegt leichter Nebel über dem See. Sie denkt an ihren Sohn und schaut auf die andere Hälfte vom Haus, wo noch Licht brennt, wie bei ihr, im ersten Stock. Die Ruhe, die Ruhe, und was sie zu dem alten Mann sagt, bei einer eventuellen Vorstellung, man ist ja jetzt Nachbar, wenn auch nur für wenige Wochen, dann denkt sie aber gleich wieder: Warum sollte man sich vorstellen, was gehen wir einander an! Sie denkt daran, dass ihr Vorgänger den alten Mann und seine Frau um drei Uhr nachts mit dem Staubsauger geweckt hatte und wie sie sagen würde: In zwei Wochen kommt dann mein kleiner Sohn. Sie verbringt den Vormittag auf dem Balkon und liest auf Englisch Artikel über Menschen, die wohnen. Die Hauptfigur ihres nächsten Romans hat sich nicht gemeldet, seit sie sich an den See verpflanzt hat, was sie versteht, aber nicht gutheißen kann. Sie hört auf zu warten. Der alte Mann von nebenan schaut wie sie auf die drei Männer, die ganz oben in einem Baum die Äste beschneiden, sie sind angeseilt. Ganz feiner Staub, Pollen und Haare flattern von diesem Baum zu ihr herüber, einiges davon auch in den Tee. Die Spatzen oder Sperlinge sind laut, sie tummeln sich in kleinen Büschen und schreien dabei so laut es geht.
Sie läuft eine Stunde durch das kalte klare und strahlende Winterwetter in Richtung F.-Station, nimmt den Weg über Hinterberg oder wie es heißt, dabei wollte sie nach Hombrechtikon. Frau Rossi sagt: Neuwark haben wir, New York, und dann geht es nach Hongkong, wir sagen Hongkong zu Hombrechtikon. Sie findet das wirklich witzig, und fragt: Haben Sie schon den Weiler gesehen?Ja habe ich. Frau Rossi ist eine strenge, schöne Frau, so groß wie die Schreibende es auch gerne wäre. Früher war sie Weinbäurin hier im Ort, heute wohnt sie in Küssnacht und macht Energiearbeit.
Während die Schreibende liest, wird nebenan vom alten Mann die Schweizer Fahne eingezogen. Auf die fast leere Seite eines endenden Abschnittes der Frequenzen von Setz schreibt sie: Auch irre. Während ich das lese, wird nebenan vom alten Mann die Schweizer Fahne undsoweiter. Und sie fragt sich, warum macht er das? Weil Freitag ist? Keine Fahne am Wochenende? Oder weil eine riesengroße fette Wolke über dem See aufgeht und winterliches Schneefallgewitter zu erwarten ist? Oder fährt er mit seiner Frau weg übers Wochenende? Seine Frau hat sie noch nie gesehen und von ihrer Existenz weiß sie nur aus der Erzählung Frau Rossis. Ist die Fahne nur gehisst bei Anwesenheit? Wie bei Königshäusern! Ja, es ist so banal. Sonntagabend, unmittelbar nach der Rückkehr der beiden, weht das weiße Kreuz wieder am Seeufer. Der Nachbar hat etwas von einem Seebären, könnte in einer Fischstäbchenwerbung auftreten, vielleicht die rote Nase überschminkt. Seine Frau wird nach der Lesung in der Kapelle zu ihr sagen: Haben Sie das nebenan geschrieben? Nach einem Nicken eine einmütige Pause. Sie sagt: Das mit den Tulpen, das ist genau so. Sehr bestimmt, die kleine Frau, dann wieder weich und verwundert: Hübschheit.
Das Plätschern des Wassers, das Krächzen der Möwen, Enten, die am Wasser landen. Jugendliche unterhalten sich in der Nähe. Zwitschern, Autos, die braunen Blätter von Bäumen, die nicht in ihrem Garten stehen, und über die Wiese rascheln. Krokusse und Maiglöckchen. Sie beschließt, darüber ihr nächstes Gedicht zu schreiben, ähnlich vielleicht Mirrador, das von den Pflasterern in Granada inspiriert war. Es soll ein Gedicht für den Herausgeber einer alten Literaturzeitschreift werden, der ja und die ja für sie schon lange der einzige denkbare Grund wären, Lyrik zu verfassen. Außer Liebesgedichten, die könnte man immer schreiben, wenn man könnte. Ein Gedicht vom See und der Frequenzen-Lektüre, ein Text über die waghalsigen Anfänge des Schreibens oder wohl eher Schreibenwollens sollte es werden. Dafür und überhaupt notiert sie die Geräusche, die vom See und von der Straße her kommen, was sie sieht, wenn sie über die Weinberge rennt, dass sie dieses Rennen in den Augen der Nachbarschaft rehabilitiert. Für den Briefträger und die Hauswartin bin ich morgens nicht zugänglich, schreibt sie auf einen Kassenzettel, und das löst bei ihr schlechtes Gewissen aus, ändert aber nichts daran, dass sie schläft, bis sie von selbst aufwacht, dass sie vergisst, aufs Wasser zu schauen. Daran, dass sie nichts mehr überprüft, wenn sie aus dem Fenster auf den See blickt.
Zirka vierundzwanzig Stunden später liegt alles, auch alle Geräusche, unter einer dicken Schneedecke, nur die Möwen lassen sich nicht einschneien, ihr Krächzen ist seltener und widerspenstiger (widerständiger?) geworden. Und natürlich die Wellen, die an die Steine schlagen, dieses laute, alles und jeden vergessende Schmatzen. Ein Bus fährt und das Schlagen der Wellen wird später, wenn sie oben unter dem Dach im Bett liegt, so stark, dass es klingt wie Bretter, die aneinanderschlagen, vielleicht ist es das Boot in seinem kleinen Haus, das gegen die Wände knallt. Es sind die Wellen. Es ist die Ruhe des Sees, die in all ihrer Gewalt auf sie eindringt.
Vor dem großen Schneefall kommt Frau Rossi, um die Weinreben, die sich über den schmiedeeisernen Balkon schmiegen, zu schneiden, und die Schreibende besucht sie mit Zigaretten auf dem Balkon, die sie miteinander rauchen. Frau Rossi reißt in einem scheinbar unbemerkten Moment den Filter der Zigarette ab und sie sprechen über die nötige Distanz von Kindern und Eltern und da beginnt es ein bisschen zu schneien und drüben beschneiden wieder die drei Männer den Baum, ganz oben stehen sie und die Äste fallen in den kleinen Kanal, jeder mit lautem Platsch.
Frau Rossi ist sehr froh, dass die Schreibende eine Raucherin ist, auf eine rührende Weise beruhigt sie das und nimmt sie für sie ein. Die Schreibende weiß, dass ihr Mund, wie er an der Zigarette zieht, noch viel mehr erzählt als die Geschichten, die sie hierher gebracht haben und die Frau Rossi gerne liest. Sie kennt den Irrtum, aber sie klärt die andere nicht auf. Abends kommt eine E-Mail von Frau Rossi, in der sie schlechten Gewissens nachfragt, ob es der Schreibenden auch wirklich gut gehe. So allein.Ja, Frau Rossi. Ich genieße das Alleinsein, ich genieße die Ruhe, ich bin froh, dass ich tagelang mit keinem reden muss, auch wenn es heute nett war. Es war nett, aber sie ist gekommen, um eine Geschichte zu Ende zu bringen und dann zu dichten.
Wenn man das Haus, das in der Jahreszeit, in der es nicht für den Tourismus verwendbar ist, als Schreibatelier vergeben wird, betritt, lässt man unmittelbar alles hinter sich, den Weg von der S-Bahn, die stark befahrene Seestraße, die man queren musste, den Geruch des Geldes. Nichts verstellt einem den Blick auf das Wesentliche: See oder was innen ist, denn man möchte ja arbeiten, am Text. Staunen über das Ausmaß von Stille und Stimmung am See, das in Überwältigung überginge, wenn man darüber nachdächte (später), aber diese Gefühlsregung hat mit Landschaftlyrik nichts zu tun.
Einmal, kurz vor halb sechs Uhr abends, holt sie das Licht, ein paar Sonnenflecken auf der Wand des Nachbarhauses auf den Balkon. Manchmal, nach vielen Stunden des Lesens oder zwischendurch auch, überkommt sie das Gefühl, dem See und seinen Lichtstimmungen nicht die notwendige Aufmerksamkeit zu widmen. (Ein bisschen so, wie sie immer wieder bemerkt, dass sie beim Zugfahren zu wenig aus dem Fenster schaut. War das früher anders? Ja! Die Erinnerung bestätigt dies auf jeden Fall. Früher gab es aber auch weniger Schallschutzmauern an den Bahngleisen. Früher konnte man aus Zugfensterblicken ganze Passagen für potentielle Romane bauen. Aber was heißt zu wenig? Sie schaut eben nicht hinaus. Weil sie die Zeit aufsaugt? Gier ist es auch, aber nicht alles lässt sich immer stillen. Vielleicht liegt es an der vermehrten Zeitungslektüre. Bei Zeitungen muss man nicht so oft aus dem Fenster schauen, vielleicht will man es auch gar nicht zwischendurch. Wenn man mit einem Buch reist, muss man einfach den Kopf heben, wer weiß.) Sie wird noch, am Ende ihres Aufenthalts, mit dem Ruderboot auf den See hinausfahren, auf eine Insel sogar. Sie wird keine Gedichte schreiben (nicht in diesem Schreibatelier und auch später kaum noch). Und nie werden die Geräusche des Sees deutlicher ihren Platz in der Erinnerung einnehmen, nachdem eine dichte Schneedecke alles, alles zugedeckt hat.
Einmal will die Schreibende wieder an den Bach gehen. Sie will eigentlich den Bach entlanggehen. Wie ein Bild, nein, eine Zeichnung, bei der das letzte Stück fehlt und das doch aus der Erinnerung angefügt werden kann. Es ist ihr Bach und der Weg von der Stelle, an der das Kind mit ihren Freundinnen spielte oder auch von jenem Platz, an dem sie mit dem kleineren Bruder ein einfaches Baumhaus baute, bis zur nahen Quelle ist überschaubar und war sie nicht als Kind öfter da entlangspaziert, -balanciert und gerannt so schnell es ging? Bis da hin, wo der Bach aus der Erde tritt, dem bis zum Ursprung des Bachs bildendem Wasser. Quelle. Wo es sprießt, entspringt, alles seinen Ursprung hat, woraus sich was?, alles! erklären lässt. Sie geht los (aber das liegt schon hinter uns, ein Bruder, der mit dem Motorrad in den Bach fällt, die Espressokanne der Nachbarin und dass der Steg über den Bach auf einmal weggenommen wurde etc.). Der Wald ist dichter geworden. Die Abzweigung zum K.-Haus ist nicht mehr gruselig, weil die Erwachsene weiß, welch arme Leute die zwei Alten gewesen sind. (Sie weiß nicht, warum sie so denunziert wurden.) Es sind nur wenige Meter. Ein paar Striche. Sie hat die breite Brücke aus Holz vergessen, über die der Bauer mit dem Traktor fährt. Am Bach entlang, es ist alles zugewachsen, hier geht niemand mehr. Im Wasser auch, es ist kalt, aber das tut gut. Wie kaltes klares Wasser immer das Beste ist, auch, wenn es vom Himmel fällt oder in kleinen Tropfen die Haut kühlt. Auf einmal ist der Bach zuende, ohne dass sie die Quelle erreicht hätte. Eine Wand, die vor ihr liegt wie dichte schwarze Folie über den Bach gespannt. Es ist nichts zu sehen. Das Blatt vor ihr. Schwarzes Gekritzel, Geschmiere? Nein, das sind einzelne Tropfen Kondenswassers auf der schwitzenden Folie, was darunter liegt? Nicht einmal eine Ahnung. Gegen die Fließrichtung sind die Versuche, den Verlauf des unterirdischen Wassers zu kontrollieren, nicht möglich. Ist es ein Unglück, nicht den eigenen Brunnen graben, besteigen und nötigenfalls trocken legen zu können? Sie hätte ein chemisches Experiment durchführen können, wie jener Natur- und Höhlenforscher bei der Schwarzen Donau, der fluoriszierende Flüssigkeit in großer Menge mit versickern ließ und über das grellgelb leuchtende Wasser in der Aachquelle beglückt waren. Oder wie im vorletzten Jahrhundert bei Duino, wo man Korkstöpseln bei San Canziano ins Wasser warf, die bei den Bocche del Timavo wieder ans Tageslicht kamen.

 

Patti, Saga und ich

Seit ein paar Tagen liegt das Kind auf dem Sofa, manchmal im Bett der Eltern, früh am Abend wieder in seinem eigenen. Es hat Fieber, hustet, wenn es aufsteht, überkommt ihn ein Schwindelgefühl. Das Kind ist krank zuhause und zuerst, weil W. unterwegs ist, bin auch ich die ganze Zeit da. In diesen Tagen wechselt das Wetter zwischen normal kalt und besonders warm, was ich aber nur über den Wetterbericht im Mittagsjournal mitbekomme und das eine Mal, als ich Essen besorge. Auch sonst verlasse ich die Wohnung nicht besonders häufig, nur um einzukaufen, meine Position in Richtung Kaffeehaus zu variieren, eine Runde durch das Arsenal zu drehen. Aber es ist anders, wenn die Klause unfreiwillig nicht verlassen werden kann.
Als das Fieber steigt und W. beim Kind ist, laufe ich eine lange Runde am Donaukanal zur Stadionbrücke und wieder zurück nachhause.
Patti-Smith-by-A-HatfieldPatti Smith erzählt mir in M Train davon, wie sie immer ins Café Ino frühstücken geht, aber auch Erinnerungen an Eric Sonic Smith, ihren Ehemann und Lebenspartner, der schon vor vielen Jahren gestorben ist. Sie berichtet von ihrem Vortrag beim der Continental Drift Club, einer exklusiven Gesellschaft, die sich mit Alfred Wegener, dem deutschen Geologen, der die Kontinentalverschiebung entdeckte. Bevor sie sich auf die Reise nach Berlin zu dem Treffen des CDC (die Einladung kam handschriftlich in einem braunen Kuvert) macht, ihre Packlisten schreibt (was sie immer macht, auch schon früher), denkt sie an all die Kaffeehäuser in der Welt, in denen sie noch nie war. Café Josefinum in Wien z.B. ist mir gar nicht bekannt, aber ich denke gleich ans Josephinum der Medizinischen Fakultät, und das würde natürlich zu Patti Smith sehr gut passen. Aber das Café Zoo im Berliner Bahnhof, wo sie einige Zeit später auch sitzen wird, als einzige. Als sie ihre Bekannten fragt, ob es denn renoviert oder umgebaut wird, wissen die gar nicht, dass es überhaupt noch existierte. Das ist ja das Pressecafé*) und ich krame ein bisschen und finde…
Auf dem Rückflug hält sie in London, zieht sich in ein Hotel zurück, um tagelang Krimis zu schauen, eine neue Leidenschaft offenbar. Bei der Gelegenheit erinnert sie sich daran, wie sie zuerst The Killing gesehen hat, das amerikanische Remake der großen Kommissarin Lund-Serie. Eine der ersten Serien, die auch ich vor vielleicht sieben Jahren, sie war noch ziemlich neu, gesehen habe. (Ich schaue Serien, aber bei weitem nicht so viele wie die meisten meiner Bekannten und Freunde.)

 

Sarah-LundMit Sarah Lund in ihrem Norwegerpulli, der Einzelgängerin und manischen Polizistin ging los, was mittlerweile mit Saga Noren – Kommissarin auf der anderen Seite des Wassers, in Malmö – in Die Brücke weitergeht. Patti Smith beschreibt, wie sie sich jede Woche (sie ist ein bisschen älter als ich und schaut sich Serien offenbar ganz old school mäßig im Fernsehen an) auf die nächste Folge gefreut und gleichzeitig irrsinnig davor gefürchtet hat, wie es sein wird, wenn die Kommissarin einmal nicht wiederkommen wird. Ob Smith das dänische Original kennt, weiß ich nicht, aber kann es ihr nur wünschen. Nicht nur, dass die amerikanische Serie bereits nach der ersten (oder gingen doch zwei?) Staffel abgesetzt wurde, weil das natürlich zu grausam ist für die amerikanische TV-Realität, ist das Original natürlich unerreicht.
bridge1_3506367bIhre Freude/Sorge hat sofort jenes Gefühl in mir wieder hervorgerufen, dass ich in der vergangenen Woche hatte, als ich mir die dritte Staffel von der Brücke reinzog. Das ZDF strahlte die Serie in Doppelfolgen aus, vorab gab es schon alles in der Mediathek. Ich war so berührt wie lange nicht von der Beziehung, die sich zwischen Saga und ihrem neuen Kollegen aus Dänemark entwickelt, der nicht ganz so autistisch (Asperger?) ist wie die scharfsichtige Ermittlerin im alten Porsche, aber doch auch einen ziemlichen Rucksack zu tragen hat. Wie kann einem eine Figur derart ans Herz wachsen. Bin mir unsicher, ob ich mir noch eine weitere Staffel Saga Noren wünsche – die Wahrscheinlichkeit, dass es noch besser ist, kann ja nicht sehr groß sein. Und die Figur kenne ich ja bereits, das ist viel. Aber ich habe noch einige Kapitel M Train von Patti Smith vor mir, von der ich tatsächlich nicht vermutet hätte, dass wir uns (auch) bei dänischen Krimiserien in abgedunkelten Hotelzimmern treffen würden. Schön.**)
25.2.2016


*) Das Einzige, das ihnen bleiben wird (wahrscheinlich), ist das Bild, das der hagere Schwarze mit der Zigarre im Mund von ihnen zeichnet: auf Papier, das er im Blumenladen geholt hat. Es ist vier Uhr morgens, ich sitze im Pressecafé am Bahnhof, warte darauf, dass endlich ein Zug mich zu dir bringt. Nachrichten in den Fernsehapparaten in allen Ecken zeigen mittlere Katastrofen, Frank Sinatra singt Yesterday als Soundtrack für die stummen Bildschirme. Das Café ist fast leer. Hinten sitzt so ein verträumtes wackeliges Pärchen, ein Müllwagen müsste vorbeifahren oder einer für die Straßenreinigung, wünsche ich mir, weil ich ein bisschen müde bin und in Bildern denke, die ich schon kenne, aber dafür ists eine Stunde zu früh. Außerdem fehlt gutes Wetter, dies ist einer der letzten kalten Tage dieses Winters, soviel ist bereits abzusehen. Die Morgenstunde ist sich noch ziemlich fremd. Keine Zärtlichkeit, die verirrt zwischen uns auf der Couch sitzt, türkis im Gesicht wie der Anzug des Arabers, der seit einer kleinen Ewigkeit auf einen der Kellner einredet.
Der Zigarrenrauch des Schwarzen fliegt mir zu.

Pressecafe-im-Bahnhof-Zoo-Foto-Jim-CooperDu sollst nicht andere Paare beobachten.
This is a gift for you raschelt das Papier. Er portraitiert sie mit Kugelschreiber aus ihrer Handtasche und sie wird die Zeichnung haben und der Abend wird schöner gewesen sein als in Wirklichkeit. Das Bild zeigt vor allem ihre Augenbrauen vor allem. Ich frage mich, ob der hagere Schwarze ihr Wackeln zeichnen kann und ob der Mann, der so knapp neben ihr sitzt, froh darüber ist, seine Müdigkeit zu bemerken. Er sieht sie jetzt schon, nicht später, am Papier. Sein Gähnen wirkt so gutgelaunt.
Ganz hinten bei den Spielern rasselts einmal ganz lange und ich hätte auch mal wieder gern ein richtig großes Glück mit Münzen und Moneten. Der Kellner hat mich vergessen und der Tee wird kalt, bevor er ihn gebracht hat.
Ich gehe in den Blumenladen, hole Papier, grünes oder pinkes, egal was sie da haben, muss an den anderen Tisch, nach dem Kugelschreiber fragen. Ich schaue ihr ins Gesicht und ihm auch, ehe jeder in seinen Zug steigt oder in ein Taxi, das in Richtung Flughafen unterwegs ist. Die kleinen Koffer neben dem Tisch warten geduldig. Morgen wird sie nicht mehr wissen, wie er hieß. Je länger die Striche des Schwarzen über das Papier fauchen, desto müder wird die Gegend um ihre Augen herum, ich glaube, sogar Weinen wäre ihr jetzt zu mühsam.
A gift for my girlfriend werde ich dem hageren Schwarzen sagen und erklären, dass die Blumen die lange Reise nicht überstehen können bei der Kälte; er soll auch mein Gesicht zeichen, ein Bild von mir, der Gedanke gefällt mir, das werde ich ihm sagen. Der Mann kommt aus Madagaskar, sieht aus wie hundert und hat noch nie ihm Leben ein Bild gemalt, sehe ich, noch auf dem Weg zu ihm. Er ist ein Jazzsänger auf dem Weg in die Provinz und das Einzige, was bleiben wird von diesem Morgen im Pressecafé am Zoo, ist Kugelschreiber auf Papier, in die ich die Blumen einwickeln würde, wenn ich dir morgen welche schenkte.

Cafe-Zoo**) Ob mit Café Zoo und Pressecafé im Bahnhof Zoo wirklich identische Lokale gemeint sind, weiß ich ehrlich gestanden nicht.
Und nein, Sie sollen das Buch von Patti Smith, nicht sofort bei a***** bestellen, sondern beim Verlag direkt, Ihrer Buchhandlung oder warten, bis die deutsche Übersetzung erscheint!