unter uns, presse

Wenn man das Leben nur noch mitmacht

Die seligen Zeiten des Forum Stadtpark sind lange vorbei, doch zuletzt hat die Grazer Literatur wieder ein kräftiges Lebens-, ja Blütezeichen gegeben: Olga Flor und Clemens J. Setz leben nach wie vor in Graz, Angelika Reitzer ist – wie Thomas Glavinic und Gerhild Steinbuch – nach Wien übersiedelt. Mit ihrem neuen Roman hat Reitzer das Versprechen ihres Debüts „Taghelle Gegend“ und des Erzählbands „Frauen in Vasen“ erfüllt: „unter uns“ gehört zu den besten Neuerscheinungen der letzten Jahre. Würde das nicht allzu sehr an die Sprache des Obstbaus erinnern, dem Reitzer eine schöne Erzählung gewidmet hat, könnte man sagen: Es ist das Buch einer reifen Autorin. „unter uns“ zeigt die Licht- und noch mehr die Schattenseiten eines Milieus. Die Kleinschreibung des Titels, deutet auf die Offenheit des Romangebäudes wie des darin ausgebreiteten Beziehungsgeflechts.
Man kennt sich untereinander, zumindest von früher, zumindest vom Sehen: lauter Paare, Expaare, Derzeitsingles um die 40, die sich viel jünger fühlen, obwohl ihre Kinder schon recht groß sind, vielleicht auch, weil die meisten ihr Studentenleben weiterführen – prekäre Existenzen im Präkariat. Am Beginn steht ein Rückzug: Im Garten des ehemals elterlichen Gasthauses, ist man unter sich – eine „fröhliche, leicht disparate Familie“. Die Geburtstagsfeier der Mutter ist angesagt, findet aber nicht statt; vor den staunenden Kindern und Anverwandten verabschieden sich die Eltern stattdessen in den emotionalen Ruhestand: Hinkünftig wollen sie sich nur noch dem eigenen Wohlergehen widmen. Wenige Monate später trifft man sich beim Begräbnis des Vaters. Von Clarissa, der heimlichen Hauptfigur des Romans, erfahren wir, dass die Eltern als Haudegen des Gastgewerbes eigentlich immer schon abwesend waren. Die Tochter ist als „Assistentin der Geschäftsführung“ an ihrem Perfektionismus und ihrer Dünnhäutigkeit gescheitert und lebt nun als Untermieterin im Haus von Klara und Tobias (der in irgendeiner Branche erfolgreich ist). „unter uns“, das kann man also auch räumlich verstehen: Clarissa ist die Souterrainexistenz, die den dräuenden Untergrund der glücklichen Familie bildet, an die niemand so richtig glaubt. Ein Generationsroman lässt sich so natürlich nicht zustande bringen: Hier haben alle Familien ein Ablaufdatum, sind „zum Untergang bestimmt, (…) waren lauter kleine Inseln im weiten Wasser“. Clarissa schwimmen die Felle davon, wie ihre Namensvetterin Clarisse in Musils „Mann ohne Eigenschaften“ taumelt sie zwischen Normalität und Abgrund: „Ich war schon halbwegs flüssig.“

Regenwasser dringt in ihr Zimmer ein, sie sagt nichts. Es ist ein Panorama des Sich-Verlierens und Verschwindens, das Angelika Reitzer hier eröffnet. „How to Disappear Completely and Never Be Found“ heißt der Film, den die Kinder von Freunden sehen. Clarissa kommt der Welt mehr und mehr abhanden, nicht nur das Wasser, auch die Erde lockt, die „unter uns“ ist und mit der sie auf Augenhöhe wohnt.
Reitzer beschreibt das Bröckeln und Bröseln allenthalben, das Lose der durchaus freundlichen Beziehungen kühl und mit berückender Suggestivkraft. Natürlich: Es gibt auch glückliche und vitale Menschen in „unter uns“, wie den Filmjournalisten Kevin („Er kann sich aufsplitten und ist in allen Rollen ganz da“), der einen berühmten Regisseur (wohl Woody Allen) interviewt und die Schulfreundin Marie wiedertrifft, obwohl er mit Vera, ihrerseits Kleinverlegerin in großen Finanznöten, wie man so sagt, gut verheiratet ist.
Außerdem flirtet Kevin mit Clarissas älterer Schwester Selma, einer Schriftstellerin, die er für eine Drehbuchidee gewinnen will. Ungeahnte Berührungspunkte mit anderen Leben ergeben sich – so sitzen Selma und Vera im selben Lokal, denken an Kevin, bemerken die Müdigkeit der anderen, ohne einander zu (er)kennen.
Angelika Reitzers Figuren reden und rauchen und sagen und denken Kluges und Banales, ganz wie im wirklichen Leben: „Wie Tauben und Katholiken sollten sich die Menschen fürs Leben zusammentun. Lust und Obsession ist doch das beste von allem; die Zeit vergeht trotzdem.“ Über Clarissas Zwillingsbrüder heißt es: „Wie immer sind sie wie immer, das ist ihr ganzes Leben schon so.“
„unter uns“ ist durch und durch realistische Literatur, aber weder handfest noch einfach. Die Perspektiven und die Zeiten wechseln, das Personal ist unübersichtlich, der Plot tritt hinter dem Atmosphärischen, hinter der leuchtenden Klarheit der Details zurück. Immerhin ragen Globalisierungsdemonstrationen und Studentenproteste ins psychodynamische Geschehen. Die schlichte Beschreibung des Status quo gerät zur Gesellschaftskritik.
Großartig ist die sprachliche Präzision, ist der bald fließende, bald insistierende Rhythmus des Ganzen. Großartig sind jene Kapitel, in denen Clarissa in der ersten Person zu Wort kommt. An ihr zeigt Reitzer, wovor ihre anderen Figuren sich fürchten – dass die „Demonstration von Zukunft“ eines Tages nicht mehr gelingt und wie das ist, wenn man das eigene Leben nur noch mitmacht, Schwäche mit Intensität verwechselt.
Dass es mit Clarissa kein gutes Ende nimmt, wird niemanden überraschen. „unter uns“ ist nicht deprimierender, als gute Literatur sein muss, nicht tröstlicher, als gute Literatur sein darf. Ob es so kommen musste? Die Autorin legt sich nicht fest, sie lässt alles in der Schwebe. Das verstünde man auch ohne den Doppelpunktmanierismus, den Reitzer sich von Friederike Mayröcker abgeschaut hat.
Daniela Strigl in Falter, Buchbeilage 39/2010 vom 29.9.2010

 

Dieses Wir gibt es nicht, gab es nie

Auch wenn es aufgrund der radikalen filmischen Schnitte nicht immer einfach ist, den einzelnen Szenen auf Anhieb zu folgen, so ist diese Technik für das Gesamtverständnis des Textes doch wichtig, da sie Ausdruck des inneren Zerfalls der Protagonistin ist: „Je näher du dich heranzoomst, desto kleinteiliger wird es, ein Fortbewegungsmittel zu finden und die Anschlüsse nicht zu verpassen.“ Mit der Zeit lässt sich aus den Mosaiksteinchen des Romans das komplexe Bild einer Alterskohorte zusammensetzen, in der sich Frauen noch immer zwischen Karriereleiter und Familienleben entscheiden müssen und sich für Männer diese Frage erst gar nicht stellt, da ihr Beruf ihnen keine Wahl lässt. Es sind kulturbeflissene Menschen, deren mittelständische Saturiertheit sie nicht vor Einsamkeit und Dilemmata schützt. Clarissas langsames Abdriften ist das Warnsignal und soll zeigen, auf welch dünnem Eis diese Lebenswelt gebaut ist.

Die Namensgleichheit von drei Protagonistinnen – Clarissa, ihrer Mutter Klärchen und ihrer Vermieterin Klara – entspricht einer Dreifaltigkeit möglicher Lebensentwürfe, von denen keiner das Gefühl der Zugehörigkeit und Geborgenheit schützen kann: Klärchen nimmt eine Weltreise zum Anlass, aus allen familiären Verpflichtungen auszusteigen, Klara vereinsamt inmitten ihrer Wunschfamilie, Clarissa geht den radikalsten Weg der Verweigerung. Dass daran auch größere gesellschaftspolitische Zusammenhänge mitwirken, zeigen die nur am Rande eingeflochtenen realen Ereignisse wie die Wirtschaftskrise, neoliberale Arbeitsverhältnisse, Antiglobalisierungsdemonstrationen und die Studentenstreiks im Audimax der Universität.

Der charakteristische sprachliche Duktus von Angelika Reitzer, der in früheren Texten schon deutlich anklang, kommt nun zur Entfaltung: Ihre Sprache ist zugleich sachlich und von poetischem Tiefgang, sie ist leise und nuanciert; dabei so gut rhythmisiert, dass man die Lektüre nicht unterbrechen will, um die Melodie nicht zu zerstören. Die Protagonisten sind durch ihre Sprachfärbung klar unterscheidbar, und die Autorin versteht es, zwischen ihnen wunderbare Dialoge zu entspinnen. Jedes Wort scheint auf dem richtigen Platz zu sein, und keines ist zu viel.

Als „Familienroman ohne Familie“ wird „unter uns“ im Klappentext bezeichnet. Und es ist nicht das erste Mal, dass Angelika Reitzer, die bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten hat, die Frage nach den möglichen Existenzweisen von Familie aufwirft. Man möchte meinen, dass das Konzept Familie heutzutage durch Zugehörigkeiten ersetzt werden könnte, doch zeigt die Autorin, dass dieser Ersatz auf wackeligen Beinen steht. [ Die Presse, Alexandra Millner, 13.11.2010 ]

 

Kinder einer flüchtigen Zeit

Einfach macht es Angelika Reitzer den Lesern nicht. Man braucht eine Weile, bis man sich in der verzweigten Personenkonstellation ihres Romans „unter uns“ zurechtfindet. Die Perspektiven wechseln, und wer da mit wem in welcher Weise zu tun hat, ist nicht immer klar. Die Unübersichtlichkeit der Verhältnisse ist aber kein Mangel dieses Romans, im Gegenteil: Sie spiegelt ziemlich raffiniert die sozialen Verhältnisse, von denen Angelika Reitzer erzählt.

Am Anfang steht Mutter Klärchens letztes familiäres Geburtstagsfest. Die in die Jahre gekommenen Eltern teilen der angereisten Verwandtschaft, unter anderem der erwachsenen Tochter Clarissa, mit, dass sie nicht nur ihr Berufsleben in der Gastronomie zum Abschluss gebracht hätten. Nein, sie würden sich jetzt auch aus ihren familiären Rollen verabschieden und den Kontakt abbrechen. Die geplante Weltreise kann allerdings nur mehr die Mutter antreten, der Vater stirbt wenige Wochen nach der Aufkündigung seiner Vaterrolle.

Dieser Akt der Auflösung gibt Clarissa den Auftakt zu einer heimtückisch fortschreitenden Verstörung. Die Eltern haben sich verabschiedet, zur Schwester Selma, einer Autorin, hat sie keine Verbindung mehr. Dummerweise verliert sie auch den Arbeitsplatz, sodass alle gewohnten Strukturen zusammenbrechen. Bleiben also die „Freunde“, von denen wir ja in vernetzten Zeiten so ungeheuer viel haben. Natürlich hat Clarissa ihre Kontakte, zu Vera und Kevin, zu Florian und Susanna, am Rande zu Marie und Jörg – und vor allem zu Klara und Tobias, in deren Kellerwohnung Clarissa vorübergehend Quartier bezieht.

Diese Kontakte bleiben auf jener Oberfläche hängen, auf der die Dinge des Lebens scheinbar ganz gut funktionieren. Stabilisierend wirken sie aber auf Clarissa nicht, zumal diese Biografien und Beziehungskonstellationen auch ziemlich filigran, vorläufig und zufällig erscheinen. Die Arbeitsverhältnisse sind kurzfristig, die Beziehungen haben meist verunglückte Vorgeschichten und ungewisse Perspektiven. Nur Kevin und Vera halten es schon seit zwanzig Jahren miteinander aus, vielleicht weil sie sich nur selten sehen und ihre Partnerschaft kinderlos ist. Die einzige traditionelle Familienkonstellation findet man bei Tobias und Klara – bis auch dieses solide Konstrukt zu wackeln beginnt.

Angelika Reitzer verfügt über eine bewundernswert schlanke, unsentimentale, aber intensive Erzählsprache. Der Duktus ihres Stils erzeugt eine beklemmend nervöse Atmosphäre, die durch die Dauerpräsenz von Medien wie Laptop, Handy und Radio zusätzlich genährt wird. Es gibt nur wenige Gegenwartsromane, die so präzise und überzeugend die mentale Grundverfassung einer Generation vermitteln. [ OÖN, Christian Schacherreiter, 11.01.2011 ]

 

Gemessen an einem Menschenalter ist Angelika Reitzer eine junge Frau. Wer ihr neuestes Buch liest wird beeindruckt sein von der Weisheit dieser Frau.

Traurige Heldin des Buches ist Clarissa. Sie kommt zum Familienfest, zum letzten wie die Mutter sagt, sie will aus den Verpflichtungen ihrer Familie gegenüber heraus. Zum Thema Familie lese ich dann einen Absatz weiter: “Ein Land, in dem ich niemals gewesen bin, in dem wir nie zusammen gewohnt haben.”

Die Autorin hat die gegenwärtige Gesellschaft durchschaut, in ihrem Buch nimmt sie ihr die Maske von Fortschritt und Sozialstaat. Dieses Buch ist Gesellschaftskritik vom feinsten. Je öfter ich umblättere, je mehr ich in Clarissas Welt eintauche, je mehr taucht bei mir Niedergeschlagenheit, ja sogar Endzeitstimmung auf. Ob Clarissa grad deshalb als ein Schatten ihrer selbst in ein Kellerzimmer einzieht?

Wenn Clarissa wieder einmal auf der Brücke steht und ich nicht weiß, ob sie in der nächsten Sekunde springt oder nicht, möchte ich sie am liebsten aus ihrer depressiven Stimmung und vom Brückengeländer wegreißen – aber wohin dann mit ihr?

Angelika Reitzer hat uns mit ihrem Buch ein großes Stück Arbeit in den Lesesessel gelegt. Sie hat ihren Finger auf Wunden gelegt, die nun niemand mehr übersehen kann. Jeder Leser sollte Schlüsse ziehen – vielleicht besteht ja doch noch Hoffnung. [ Bücher verändern Leben, Christian Döring, 01.09.2010 ]

 

Reitzer, die für ihre Bücher vielfach ausgezeichnet wurde und deren Sprache wegen ihrer Vielschichtigkeit und Klarheit bereits in Taghelle Gegend und Frauen in Vasen beeindruckt hat, legt mit unter uns einen irritierenden Endzeitroman über das überkommene Modell von „Beziehungen“ vor, es reicht nicht mehr aus, wie bei Camus „fremd“ in der Welt zu sein, man ist vor allem allein. Das macht, wenn man so will, unter uns so modern. [ Literaturhaus.at, Bernd Schuchter, 21. Dezember 2010 ]

 

Angelika Reitzer versteht sich auf die Mikroszenen, sie kann geradezu alltägliche Situationen sprachlich in neuem Lichterscheinen lassen, das hat sie schon mit ihren Prosabänden „Taghelle Gegend“ und „Frauen in Vasen“ bewiesen. Und sie generiert einen Prosastrom, der es nicht zulässt, dass der Leser in einer konsumierbaren Geschichte Platz nimmt. In ihrem ersten Roman „unter uns“ wechselt sie immer wieder die Erzählperspektive und zwingt zum Innehalten, denn plötzlich ist man mitten in einen Dialog geraten, ohne dass das durch Anführungszeichen schon von vorneherein sichtbar gewesen wäre. Vor allem aber sind die Schnitte nicht durch Absätze markiert, und so kommen die bestürzendsten Szenen daher wie selbstverständlich, als wären sie eine Konsequenz des Vorhergehenden.

Überraschend ist schon die Eingangsszene: ein Familienfest, mit dem sich die Eltern von ihrer Rolle als Eltern verabschieden; sie haben ihre Arbeit getan, das Gasthaus wird verpachtet, und jetzt wollen sie auswandern. Rückblenden zeigen, dass sie ihre Tochter Clarissa schon als Kind allein gelassen haben: Wichtig war die Arbeit, das Essen – und dass der Vater daherlabern konnte, was ihm gerade einfiel. In gewisser Weise tritt Clarissa in die Fußstapfen ihrer Eltern: Auch sie ist zuerst eine fleißige und erfolgreiche Arbeitsbiene, dann steigt sie aus. Nein, sie stürzt ab, hat über ihre Verhältnisse gelebt und sich verschuldet, und da sie auch keine neue Arbeit findet oder finden will, wohnt sie im Haus von Freunden im Keller; und sie hat nicht einmal mehr eine Bankkarte. Clarissas Abstieg und ihre Rückzugsphantasien, ihr zunehmender Ekel vor sich selbst, sind ein roter Faden des Romans, psychologisch genau gezeichnet und sprachlich aufs Äußerste verknappt.

Es ist vielleicht schon allzu oft bemerkt worden, dass Angelika Reitzer quasi spezialisiert darauf ist, die trendig kommunizierende „Generation Projekt“ mit ihren flexiblen Arbeitsverhältnissen und hippen Veranstaltungen auf die literarische Bühne zu holen. Auch im Roman „unter uns“ treffen wir auf Susanne, die, wie es heißt, „von Unterrichten über Massieren bis zur Homepage-Gestaltung schon alles ausprobiert“ hat; oder auf das Paar Kevin und Vera – er aufstrebender Filmkritiker, sie um Subventionen bangende Kleinverlegerin. Das Kunst- und Kulturmilieu, das Angelika Reitzer aus ihrer eigenen Arbeit kennt, ist sozusagen lebensecht in den Roman eingeflossen. Und die schöne neue Firmenwelt wird in folgenden Sätzen treffend diagnostiziert: „Restrukturierung bedeutet Personalabbau. Ist ja klar. Wie soll es dem Unternehmen gut gehen, wenn es alle seine Angestellten behält?“ Mobbingstrategien und Kündigungssituation kommen ebenfalls in den Blick. Und natürlich die Bedingungen, unter denen immer neue Projekte das Überleben sichern. Treffend heißt es im Roman einmal: „Eine Idee allein interessiert überhaupt niemanden mehr. Das muss schon ein ausgewachsenes Konzept sein, du brauchst Projektträger, einen fertigen Kosten- und Finanzierungsplan.“ [ ORF Ö1 Ex libris, Cornelius Hell, 19.09.2010]